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Tatort Kunst

Über Fälscher, Betrüger und Betrogene - Kunstfälschungen der letzten Jahrhunderte und Kriminalgeschichten von heute

Eine Kunstfälschung entsteht durch die Nachbildung oder Veränderung eines Kunstwerkes, wenn sie in der betrügerischen Absicht geschieht, den Eindruck zu erwecken, es handle sich um ein Werk eines bestimmten Künstlers, von dem es in Wahrheit nicht stammt.
– Wikipedia

Museumsbesuche sind doch erst dann wirklich sinnvoll, wenn man in Begleitung eines Kunstkenners ist, der das Werk in seine Epoche einordnen kann, mit mir gemeinsam seine gesellschaftspolitischen, historischen oder sozialen Hintergründe betrachtet, gestalterische und formale Aspekte benennt … Nein Quatsch. Wirklich spannend wird es, wenn er Anekdoten und Geheimnisse kennt. Sollte diese wundervolle Begleitung nicht zur Hand sein, kann man sich dieses Wissen auch selbst aneignen.

Die Gemälde, die wir heute im Madrider Prado, im Metropolitan Museum of Art in New York oder in den Pinakotheken in München betrachten können, zeugen von Genie und handwerklichem Können. Und sie sind nicht unmittelbar von der Werkstatt des Künstlers dorthin geschafft worden. Sie haben an vielen Wänden gehangen und waren und sind Objekt zahlreicher Begehrlichkeiten und Zwiste, sie wurden im Laufe von Jahrhunderten verkauft, geraubt, kopiert und gefälscht.

Fälschergeschichen sind populär und Legenden halten sich hartnäckig, sagt die promovierte Kunsthistorikerin Susanna Partsch, Autorin von Tatort Kunst, ein Buch über Kunstfälscher, Betrüger und Betrogene. Die ersten Kapitel widmen sich den Legenden und Legendenvariationen historischer Fälschungen: “schön erzählte Fälschergeschichten sind nicht aus der Welt zu schaffen, auch wenn sie gar nicht stimmen.” – selbst Michelangelo fällt ihnen zum Opfer, grundlos. Auch darüber klärt Susanna Partsch auf: mitunter sind es nicht die Kunstwerke die gefälscht wurden, sondern die Geschichten und Legenden dazu. Dass sich die Legende von Michelangelo als Kunstfälscher als eine von vielen verdrehten Tatsachen und falsch verstandenen Überlieferungen hartnäckig hält, zeigt eine kurze Recherche, etwa hier oder hier. Wem man glauben schenken möchte, muss man selbst entscheiden.

Aber was ist überhaupt eine Fälschung in unserem heutigen Verständnis?

[…] Hinzu kommt, dass das italienische Wort “contraffare”, das Vasari in diesem Zusammenhang gebraucht, verschiedene Bedeutungen aufweist: nachmachen, imitieren, aber eben auch fälschen. In der damaligen Zeit hatte das Wort in keinem der Fälle den negativen Beigeschmack, den wir ihm heute geben. Das zeigt sich auch an dem deutschen Wort “Konterfei”, das “Porträt” bedeutet und eben nicht Fälschung. Wörter ändern sich in ihrer Bedeutung […]. Unsere Vorstellung von Original und Fälschung hindert uns daran, historische Texte richtig zu lesen und zu verstehen. Sie hindert uns außerdem daran, die Kopie als das zu sehen, was sie früher war: die Reproduktion eines Meisterwerks.

Die ersten Kapitel klären auf, wie zwischen Original und Fälschung zu unterscheiden ist, wie kriminalistische Ermittlungen bei der Kunstfälschung ablaufen und mit welchen Mitteln eine Fälschung zu entlarven ist. Nach den Falschen Geschichten von gefälschter Kunst und den Legenden von vertauschten Bildern lernen wir berühmte Fälscher kennen, die es teilweise zu großem Ruhm brachten – etwa Han van Meegeren, der zahlreiche Gemälde im Stil von Vermeer einfach neu erschuf, und auch Hermann Göring eines davon andrehte. Über diesen Coup freuten sich die Holländer natürlich im Nachhinein. Zumindest jene, die nicht selbst eine der Fälschungen gekauft hatten. Mitunter wurden so die Werke des enttarnten Fälschers, nun unter eigener Signatur, zu begehrten Objekten – was wiederum andere auf die Idee brachte, diese zu fälschen.
Das Inhaltsverzeichnis findet ihr hier.

In dem Taschenbuch sind auch einige schwarz-weiß-Abbildungen der gefälschten Gemälde nebst Original. Gerne hätte ich diese auch in einem größeren Format und mit Abbildungen in Farbe “untersucht”, aber so habe ich stets das Smartphone dabei, um etwa zu prüfen, wie es dem ehrlichen Pepi Rifesser mit seinen Madonnen heute ergeht. Oder um einen Blick auf die Giovanna degli Albizzi in Washington zu werfen, erschaffen nicht etwa wie gedacht von Desiderio da Settignano 1459, sondern von Giovanni Bastiani, einem begabten Bildhauer des 19. Jahrhunderts, und wahrscheinlich eher ein “unschuldiger” Fälscher – es war der Händler, der betrog.

Tatort Kunst ist eine Reise durch Jahrhunderte von Kunst, von Kunstfälschung, vom schnellen Geld, unverstandenen Talenten und raffgierigen Menschen. Das Thema ist aktuell: Kunst wird heute zu horrenden Summen gehandelt, private Sammler und Anleger investieren bis in die Millionen.
Ein sehr komplexes Thema, sehr spannend geschrieben. Und es bietet eine schöne Grundlage für den nächsten Museumsbesuch – vielleicht selbst in der Person des “Kunstkenners”, um dann sagen zu können: “Wunderschön das Bild. Nur leider nicht echt. Willst du wissen warum?”

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