Wissen

Das Dumme am Leben ist, dass man eines Tages tot ist

Eine Art Anleitung zum Glücklichsein. Intuitiv, ironisch, ehrlich - und ein bisschen seltsam

Das Dumme am Leben ist, dass man eines Tages tot ist

Was hat man von diesem Buchtitel zu erwarten? »Eine Art Anleitung zum Glücklichsein« lautet der Untertitel, geschrieben hat das Buch jemand, der sich durch seine Tätigkeit als Dozent für Kreatives Schreiben an der University of Washington qualifiziert. Vielleicht ist das hier also eine stilistisch wohlgeformte persönliche Erzählung, ein paar Anekdoten, ein bisschen was Philosophisches.

Das ist es in den Grundzügen auch, aber es kommt doch unerwartet: David Shields mixt strenge biologische Fakten mit Eindrücken des öffentlichen Lebens und persönlichen Anekdoten aus dem Leben mit seiner Familie, seiner Frau, seinem Vater (über 90) und der Tochter (in verschiedenen Stadien der Pubertät). Als Mann Anfang 50 beobachtet und kommentiert er die Generationen zwischen jung und alt. So unterteilt er auch sein Buch in vier Kapitel, als die vier Stationen des menschlichen Alters: 1. Säuglingsalter und Kindheit,  2. Adoleszenz, 3. Erwachsenenalter und mittlere Jahre, 4. Hohes Alter und Tod.

Friedliche und einfache Kurzgeschichten sind es nicht. Ein repräsentatives Kapitel sieht so aus: erst werden biologische Verfallsfakten sachlich in Zahlen gereiht (»Im Alter von dreißig bis vierzig sind Frauen noch fünfundachtzig Prozent so fruchtbar, wie sie es mit zwanzig bis vierundzwanzig waren; der Grad mindert sich auf fünfunddreißig Prozent im Alter von vierzig bis fünfundvierzig und sinkt praktisch auf null Prozent nach dem 50. Lebensjahr«), gefolgt von noch mehr Zahlen, scheinbar beliebig, so über eine Hochzeitszeremonie von Donald Trump: ich erfahre unter anderem die Gästeanzahl, den Namen der Kirche, die Dauer der Zeremonie, dass die Schleppe der Braut vier Meter lang war und von 28 Schneiderinnen genäht wurde, dass der Hochzeitskuchen 1,80 Meter hoch war. Dann endet das Kapitel, es ist wie fast alle Kapitel, nur zwei bis drei Seiten lang. Es trägt den Namen Jungen und Mädchen im Vergleich III. Es ist nicht ganz einfach, sich da einen Reim draus zu machen.

Shields schlägt innerhalb eines Themenkapitels der vier Altersstadien scheinbar planlos in alle Richtungen aus. Einmal geht es nur um Haare: er zitiert Woody Allen (»Das Beste was man tun kann, ist, sich altersgemäß zu verhalten. Wer sechzehn Jahre alt oder jünger ist, sollte zusehen, dass er keine Glatze bekommt«), dann seinen Vater, der gegen die Glatze Baseballmütze trägt, und natürlich erfahre ich zuerst in den biologischen Fakten dass ich über haarbildende Zellen verfüge, dass mein Haar braun ist weil sich reines Melanin gebildet hat, und dass graues Haar durch die Vermengung der ursprünglichen Haarfarbe mit dem weiß entsteht, das in dem Moment aus dem Kopf zu wachsen beginnt, wenn die Zellen ihre Funktion einstellen.

Vor etlichen Jahren erfuhr ich zufällig von der Mode, die Glatze mit einem Kinnbart zu kombinieren, und ich muss sagen: Das gefällt mir. Es drückt eher aus, dass man den Tod anerkennt als dass man ihn negiert.

Shields Schreibstil, der in Feuilletons als »schnell und postmodern« bezeichnet wird, irritierte mich am Anfang, als ich nach Sinn und Muster in seinem Text suchte. Es ist Shields ganz eigener Blick auf das Leben, und das sei Fakt: man durchläuft gewisse stereotype Phasen, man wird alt, und dann stirbt man, zwangsläufig. Nicht hadern und Zurückliegendem nachtrauern, lautet vielleicht die Botschaft. Eben nicht negieren, dass man eines Tages stirbt, sondern mit diesem Bewusstsein einfach leben, glücklich in allen Stadien des Lebens, so wie der vitale Vater von Shields, seit fast 100 Jahren.

Hinterlasse einen Kommentar