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Das Alphabet des Denkens

Psychologie, Linguistik und Hirnforschung: Wie Sprache unsere Gedanken und Gefühle prägt

Neulich fragte mich jemand, ob ich nach Jahren in Spanien mittlerweile auch auf Spanisch denke. Nach einigem Nachdenken fiel mir auf, dass ich in keiner Sprache zu denken scheine, eher in Bildern und Eindrücken, die viel schneller ablaufen, als Worte oder Sätze es können. Mit einer ganz ähnlichen Fragestellung beginnen Stefanie Schramm und Claudia Wüstenhagen ihr Buch Das Alphabet des Denkens.

Es ist wohl seit langer Zeit ein Streitthema der Sprachforscher: “Brauchen wir Worte lediglich, um unsere Gedanken auszudrücken, oder brauchen wir sie, um Gedanken überhaupt erst zu denken?
Und denken Menschen dann in verschiedenen Sprachen unterschiedlich?”

Ich lerne 50 Seiten später, dass ich mit meinem Gedanken den Universalisten zustimmen würde, jenem Lager “verfeindeter” Sprachforscher, die davon ausgehen, dass “allen Menschen dasselbe Sprachvermögen und dieselben universellen Grundregeln der Sprache angeboren seien”. Was ebenfalls zur Folge hätte, dass wir nicht in einer natürlichen Sprache sondern in einer Art “universellen Sprache des Geistes” denken, eine eigene Sprache der Gedanken. Die Gegner dieser Ansicht nennen sich Relativisten und “sind überzeugt, dass wir in natürlichen Sprachen denken und dass diese unser Denken prägen”. Kurz, die Frage ist nicht einfach zu beantworten. Wie beeinflusst uns Sprache überhaupt?

Dass Sprache eine Wirkung auf uns hat, auf den Charakter und das Wohlbefinden etwa, das war vorstellbar. Die Autorinnen haben für interessierte Laien aber viele weitere Überlegungen und Erkenntnisse in petto. Wie etwa der Einfluss von Schimpfworten, emotional besonders aufgeladene Wörter. Auf sie reagiert unbewusst auch unser Körper, etwa mit schnellerem Herzschlag. Kraftwörter seien tatsächlich die “mächtigsten aller Wörter”: sie bleiben mitunter selbst nach schlimmsten Hirnschäden erhalten und ihre emotionale Macht ist auch dafür verantwortlich, dass Menschen mit Tourette-Syndrom unkontrolliert fluchen. Und wieso beschäftigen sich unsere Lieblingsschimpfworte “Scheiße” oder “Verpiss dich” mit Exkrementen, während andere Sprachen sexuelle Aktivitäten als Beleidigung bevorzugen? Wird erklärt. Übrigens sind es nur die Schimpfwörter der Muttersprache, die diese emotionale Wirkung haben.

Das Deutsche unterscheidet zwischen den grammatischen Geschlechtern Femininum, Maskulinum und Neutrum. […] Viele Sprachen wie das Französische oder Spanische haben nur zwei geschlechtliche Artikel, und andere wie das Englische oder Japanische gar keine. […]

Es stellt sich heraus, dass wir in verschiedenen Sprachen tatsächlich unterschiedlich denken, schon alleine, weil wir den Begriff “Brücke” als “elegant” oder “schlank” charakterisieren, während Spanier die Brücke eher als “robust” und “stark” empfinden – denn in Spanien ist sie männlichen Geschlechts. Auch das grammatische Geschlecht beeinflusst somit unsere Gedanken.

Die Vorgänge in unserem Gehirn mögen grob messbar sein, aber obwohl wir alle die Fähigkeit zu denken haben, weiß niemand so recht was eigentlich vorgeht.
Es sind spannende Fragen: verändern Fremdsprachen meine Art zu denken? Wie wichtig ist die Sprache (und das Sprechen) nach einem traumatischen Erlebnis? Wie beeinflussen und manipulieren uns Politiker? Das sind nur einige der vielen kurzen Kapitel, eingeordnet in drei große Abschnitte: — “Wie Wörter wirken”, “Was Wörter über uns verraten”, “Wie wir Wörter für uns nutzen können”. Hier findet ihr eine Leseprobe.

Die Autorinnen arbeiten beide für die ZEIT. Wer auch gerne die großen wissenschaftlichen Themenreihen liest, ob im Magazin ZEIT Wissen oder im Ressort der Zeitung, der bekommt genau das hier ausführlich geboten: Spannende Erkenntnisse der Sprache aus den Bereichen Psychologie, Linguistik und Hirnforschung, für anspruchsvolle Leser aufbereitet.

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