Schlaflos in Seoul

Vera Hohleiters Erfahrungen in Südkorea: unterhaltsame, pragmatische Kritik

Schlaflos in Seoul

Vera Hohleiter lebt seit drei Jahren in Seoul, Südkorea. Dort hin geführt hat sie zunächst ihre Neugierde und Abenteuerlust und schließlich die Beziehung zu einem Koreaner. Thematisch berichtete sie in Schlaflos in Seoul von ihren Erfahrungen in der Metrolople, in dem Land, das vibriert zwischen Tradition und Fortschritt, einer stark konservativen Elterngeneration und einer Jugend, die technikbegeistert ist und nach Freiheit strebt.

Jedes Kapitel ist eine erzählte Episode, ein rascher Blick ins bunte Treiben. Eigentlich genau das, was der Umschlag verspricht, der Hohleiter leger schlendernd im Seouler Nachtleben zeigt. Sehr ehrlich, sehr kritisch und natürlich aus ihren subjektiven Erfahrungen gespeist erzählt sie anekdotenhaft von ihrem (Ein)Leben in Seoul. Sie hat dabei jene Aspekte herausgearbeitet, die deutschen Lesern am Kuriosesten erscheinen – das sind eben nicht unbedingt die Schönheit der Landschaft, die Geschichte oder die Kultur.

Schnell wird dabei klar, was man in Korea lieber nicht tun sollte: über Hundefleischverzehr diskutieren. Vegetarier sein. Bus fahren. Schwiegermüttern begegnen – wobei der Grat zwischen potenzieller und tatsächlicher Schwiegermutter gering sein kann, wie am Beispiel eines jungen Deutschen erzählt wird, der die Familie seiner koreanischen Freundin besuchte und unversehens zwangsverheiratet wurde. Das unverheiratete Zusammenleben der Tochter mit dem Deutschen in Berlin galt im traditionalistischen Elternhaus als Entehrung, die nur durch die nachträgliche Eheschließung wieder in Ordnung gebracht werden konnte.

Ein individueller Kleidungsstil scheint ebenfalls riskant, denn Individualität und Europäismus würden gerne süffisant als Schimpfwort verwendet. In Korea zähle Gruppenbewusstsein und Unterwürfigkeit, weshalb man als koreanischer Angestellter anstandslos Alkohol in rauen Mengen trinkt, oder, so hat sich Hohleiter erzählen lassen, gar den in Chilipaste getränkten Finger des Chefs abzulutschen hat, wenn dieser das als Bestrafung für angemessen hält.

Als Ausländer sei man in Korea generell nicht gerne gesehen. Wer mit einem sensiblen Selbstbewusstsein ausgestattet ist, sollte besser kein Koreanisch verstehen, denn Hohleiter hat die unangenehme Erfahrung gemacht, dass herzlich und unverhohlen über physische Unzulänglichkeiten gelästert wird. Von einer koreanischen Freundin erfährt sie: »Die koreanischen Männer sind widerlich, unkultiviert und stockkonservativ. Ich bin jetzt sechsunddreißig, ich habe Sommersprossen und einen Doktortitel. Eine unattraktivere Kombination gibt es für Männer gar nicht.« Und: »Ich merke, wie mich Leute in der U-Bahn ansehen mit einer Mischung aus Ekel und Mitleid, wie eine Behinderte.«

Korea scheint kein besonders freundliches Land für pragmatische Ausländer wie die Autorin zu sein, mit kurzen Haaren, Leberflecken und vegetarischen Essgewohnheiten. Was aber, bei all diesen unangenehmen Erfahrungen und Berichten, hält Hohleiter in Korea? Dieselbe Frage hat sie sich selbst auch gestellt. Im vorletzten Kapitel Warum denn Korea? wertet sie die Ergebnisse einer Pro- und Contra-Liste aus. Da ist vor allem der koreanische Lebensgefährte – und dann fällt ihr erstmal selbst nichts mehr ein. Abgesehen von banalen Kleinigkeiten wie kostenlosem Tafelwasser und Gratisbeilagen zu Modezeitschriften kommen ihr dann die Stichworte »Chancen« (Jobs, die sie durch ihr westliches Aussehen und Fremdsprachenkenntnisse ergreifen kann) und »interessant« in den Sinn.

Tatsächlich wisse sie jedoch häufiger Negatives als Positives über Korea zu berichten. Man müsse, wenn man im Ausland lebt und arbeitet, Land und Leute nicht notwendigerweise lieben. Da ist es nicht allzu abwegig herauszulesen, dass sie Land und Leute Südkoreas nicht besonders schätzt. Eine riskante Äußerung, wenn sie beruflich u.a. auf einem Fernsehsofa des Senders KBS sitzt, als eine Art hübsche Ausländerinnenpersiflage, und auf der Straße erkannt wird.

Dass sie mit ihrem Buch nicht gerade auf Gegenliebe in Südkorea stößt, wundert Hohleiter eigentlich nicht. In etwas verbittertem Tonfall schreibt sie selbst an einer Stelle:

Die meisten Koreaner tragen einen selbstgefälligen Nationalstolz vor sich her und sind absolut davon überzeugt, dass ihr Land über jede Kritik erhaben ist. Die einzigen Makel, die sie bereitwillig zugeben, sind die hohen Mietpreise und die Luftverschmutzung – vermutlich weil beides messbar und statistisch zu belegen ist.

Und an anderer Stelle:

Dass Korea international nicht bedeutender, erfolgreicher und beliebter ist […] könnte tatsächlich an dem ewig gestrigen nationalistischen Denken liegen, das selbst in den Köpfen der Jungen und der Fortschrittlichen fest verankert ist.

Lohnt sich der Kauf für Deutsche, für die das Buch schließlich geschrieben wurde? Bestimmt. Für jeden mit Interesse am Land und gerade auch für jene die dort hinreisen wollen, denn sie werden auf sehr ehrliche und unterhaltsame Weise vorbereitet. Und es wird sie am Ende nicht davon abbringen, dieses zweifellos spannende Land selbst kennen lernen zu wollen.

Auch gelesen hat’s Manfred Orlick / buchinformationen.de und meint: »Alles in allem ein sehr unterhaltsames und sympathisches Buch von einer intelligenten und neugierigen Frau«

1 Kommentar

  1. Korea ist definitiv nicht das Traumland als das die K-Pop-Fans es gerne verklären. Korea hat durchaus seine häßlichen Seiten. Das wahnsinnig tolle an Korea ist diese Vielschichtigkeit. Es gibt so vieles zum darüber ärgern und vieles was man einfach nur liebt. Ich habe aber sehr bereut dieses Buch gekauft zu haben. Es hat so eine negativen, aroganten und depressiven Unterton. Die Passagen die witzig gemeint sind, lassen einen nur schlucken. Frau Hohleiter schreibt wenig reflektiert und geht immer von ihrem deutschen Standpunkt aus, was richtig und falsch zu sein hat. Um in eine andere Kultur einzutauchen und diese verstehen zu können müßte man aber bereit und fähig sein, dieses Denken auch mal ablegen zu können. Für mich hat das die Autorin auf keiner Seite ihres Buches geschafft. Da gibt es doch viel bessere Bücher die witzig, kritisch und auch liebevoll mit der Koreanischen Kultur umgehen. Man würde der Autorin beinah wünschen, dass es besser gewesen wäre in ihrem Berlin zu bleiben.

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