Der Fall Jane Eyre

Emily Brontës Protagonistin wurde entführt: skurrile Literaturfantasie, vergleichbar mit Per Anhalter durch die Galaxis

Ich lese am liebsten realistische, zeitgenössische Bücher. Ich mag Fantasy, die zwar in Alternativwelten spielt, aber realistisch bleibt, wie soll ich sagen .. authentische Handlungsstränge, von Figuren getragen, mit denen ich mich identifizieren kann, das geht in Ordnung. Wie Harry Potter, da gibt es zwar eine Zauber-Parallelwelt, aber ansonsten ist alles ganz nachvollziehbar. Dazu trägt der Schreibstil viel bei – die Welt ist ganz anders, aber beschrieben wird sie von jemandem, der wie ich, neugierig und überrascht auf die fremden Details blickt und sie klar beschreibt.

Jasper Fforde macht das nicht. Er stellt mir seine Parallelwelt so dar, als wäre sie die einzig reale Welt, und ich verstehe erstmal gar nichts. Wikipedia beschreibt diese Welt so:

In Ffordes Parallelwelt ist die Auseinandersetzung mit Literatur ein Massenphänomen; Schriftsteller und ihre Werke genießen große Popularität. Literatur wird als nationaler Schatz begriffen und so ernst genommen, dass es zwischen den Anhängern verschiedener literarischer Strömungen zu Straßenkämpfen kommt. Fantasie und Wirklichkeit vermischen sich, indem die Menschen in die Welt der Literatur eintreten und Figuren aus der Literatur in der realen Welt erscheinen können. Auch Zeitreisen sind in dieser Welt möglich.
[…] Außerdem führen die englischen Truppen seit mehr als 100 Jahren den Krimkrieg gegen das noch immer zaristische Russland. […] Vampire, Werwölfe und Geister existieren real und stellen ein ständiges Ärgernis für die zuständigen Regierungsbehörden dar.

Im ersten Band der Reihe ermittelt Thursday Next, LiteraturAgentin (LitAg) für die Abteilung SO-27 des Special Operation Networks in London, den Fall des gestohlenen Manuskripts von Emily Bronës Jane Eyre – die Hauptfigur des Romans selbst wird von dem Kriminellen Acheron Hades als Geisel genommen.

Ich war eine sogenannte “A1-Agentin” in den Diensten von SO-27, der Sektion LiteraturAgenten (LitAgs) des Special Operations Network mit Hauptsitz in London. Das ist nicht halb so aufregend, wie es sich anhört. Seit 1980 drängten die großen Verbrecherbanden auf den lukrativen Literaturmarkt, und wir waren notorisch überarbeitet und unterfinanziert.

Wahrscheinlich bin ich irgendwie witz- und fantasielos, aber ich mag eigentlich die Vorstellung, dass Jane Eyre einfach nur ein Text in Buchform ist, aus dem man keine Protagonisten heraus entführen kann, die sich dann bei Mitarbeitern eines “Special Operation Networks” über die Einfälle ihrer Autorin beschweren.

Schräg, einfallsreich, skurril, witzig – das sind die Adjektive, die am liebsten zur Beschreibung dieses Romans in den Rezensionen verwendet werden. Ein Kultbuch ist es 2001 geworden, nachdem es erst von zahlreichen Verlagen abgelehnt wurde. Sechs Bände sind in der Reihe mittlerweile erschienen.

Für mich ist das Buch nichts – aber da sind Tausende begeisterte Fans. Sie schreiben zum Beispiel: “Keinesfalls darf man hier also sprachlich Literatur vom Feinsten erwarten. Ebenso ist es für echte Puristen natürlich undenkbar, dass Naturgesetze in einem Roman nicht gelten und dass die geschichtliche Entwicklung ab dem 19. Jahrhundert völlig anders verlief als wir sie kennen. Dafür gibt es um so mehr Komplikationen und witzige Ideen. Öfters muss man herzhaft lachen.” (R.S., Amazon-Kundenrezension)

Vielleicht kann man sagen: wer wie ich zu diesem Buch kam, weil er Jane Eyre sehr gerne gelesen hat, der fragt sich: was soll der Blödsinn? Und wer das Buch “Per Anhalter durch die Galaxis” mag – mit dem ich absolut nichts anfangen kann – der liebt auch dieses Buch.

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