Gegenwart

In Sachen Joseph

Humorvoll, verwirrend und ergreifend, die Geschichte einer endenden Freundschaft

Die Bibliothekarin Helen träumt zwei Mal davon, dass sich ihr bester Freund Joseph in einem Sarg einschließt und erstickt, um einem nahenden Herztod zuvorzukommen. Zutiefst besorgt beginnt Helen, den Traum ernst zu nehmen. Sie spricht mit Joseph, mit seiner Mutter, mit einem auf Traumdeutung spezialisierten Psychotherapeuten. Niemand will es ernst nehmen.

Helen beschließt, dass ihr Traum eine sichere Weissagung der Zukunft ist. Sie erinnert sich und beginnt zögerlich Abschied zu nehmen, und Ordnung zu schaffen, in Josephs exzentrischem Dasein. Sie entdeckt nach und nach, dass er wohl einen Sohn hatte von dem er nichts weiß, und versucht Joseph und dessen Mutter dazu zu bewegen, wieder miteinander zu reden. Die verbleibende Zeit ist gering, davon ist Helen überzeugt.

Immer mysteriöser und seltsamer wird es, je mehr Personen sich in die Geschichte einmischen. Alle Figuren rund um Helen verwirren mit ihren unausgesprochenen Geheimnissen, die – der ahnungslosen Helen und dem ahnunslosen Leser als offensichtlich dargestellt – bis zum Schluss nicht ausgesprochen werden. Sei es der jugendliche Fernehkoch Paco, der Joseph so ähnlich sieht und Interesse an der älteren Helen zeigt, die Arbeitskollegin Melanie, der Vater, Josephs Mutter Martha und natürlich Joseph selbst.

Ich hätte nicht gedacht, dass Martha es dir sagt, aber – okay. Ich habe mich geirrt. Aber jetzt tu nicht so, als wüsstest du es nicht, nur um sie zu schützen. Sie hat ohnehin genug vor ihrer Haustür zu kehren. Als wüsste ich das nicht!

Die ganze Zeit steht die Frage im Raum: wird er sterben? Aber auch: wer wird sterben? Was hier wirklich vorgeht, und wie die verschiedenen Geheimnisse zusammen laufen und zu einem einzigen werden, das verrät erst der Schluss.

Das Buch fordert, es springt zwischen Traum und Wirklichkeit, Gegenwart und Vergangenheit so selbstverständlich hin und her, dass ich nie ganz genau weiß wo ich mich gerade befinde und was ich glauben soll. Die Autorin Husch Josten spielt dabei gekonnt mit dem Einsatz der Erzählzeiten, bleibt aber immer bei Helen, so dass ich ganz in ihren Geisteszustand und ihre Verwirrung eintauchen kann. Obwohl natürlich alles auf die überraschende Schlusswendung hinausläuft – das Bezaubernde dieses Buchs ist der Weg dorthin. Husch Josten erfasst die Umwelt Helens’ unheimlich präzise und subjektiv, wie sie Personen und Räume beschreibt, klar und zynisch, so dass alles Körper und Seele bekommt.

Dass sich ihr Vater zu festen Uhrzeiten am Esstisch einfindet und zu Bett geht, findet sie angesichts seiner Zufriedenheit in dem gestreiften Sessel erstaunlich. Er saß dort und dachte vor sich hin, nichts Mürrisches im Ausdruck, wie manche Alte es sich ins Gsicht lebten. Vielleicht rechnete er im Geiste physikalische Formeln durch, rief sich abgelehnte oder stattgegebene Patentanträge aus seiner Laufbahn vor Augen, vielleicht entwarf er auch ein eigenes Konzept des Raum-Zeit-Kontinuums.

Eine wunderbare kleine Geschichte über Liebe, Freundschaft und Selbstfindung, in einem stilvoll gestalteten Umschlag, der erste Roman der Autorin. Empfehle ich sehr.

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