Gegenwart

Alles Licht das wir nicht sehen

Kein Wort zu viel und keines zu wenig: Ein Roman über zwei Kinder im zweiten Weltkrieg

Marie-Laure ist “eine große, sommersprossige Pariser Sechsjährige mit schnell abnehmendem Sehvermögen”. Eines der letzten Dinge die sie sieht bevor sie ganz erblindet, ist eine Eisentür im Muséum national d’Histoire naturelle. Hinter dieser Tür, erzählt der Museumsführer, sei eine weitere kleinere Tür, und dahinter “eine vierte, und eine fünfte, und so geht es immer weiter, bis zur dreizehnten, die ebenfalls verschlossen und nicht größer als ein Schuh ist”.

Dort aufbewahrt wird der Legende nach “Das Meer der Flammen”, ein Diamant, “blau wie das tropische Meer”, im Kern etwas Rotes, “wie eine Flamme in einem Tropfen Wasser”, und Gefäß eines uralten Fluches.

Werner ist derweil zu klein für sein Alter, die Ohren stehen ab, die Haare weiß: “Schnee, Milch und Kreide. Eine Farbe ohne jede Farbe”. Er wächst mit seiner Schwester als Waise auf einem Kohlebergbaukomplex nahe Essen auf: “Die Gegend lebt von Stahl und Kohle, die Erde ist voller Löcher. Schornsteine rauchen, Lokomotiven pendeln auf erhöhten Trassen, und auf Abraumhalden stehen kahle Bäume wie skelettierte Hände, die sich aus der Unterwelt herausrecken”.

Sein Interesse gilt allen großen Fragen der Naturwissenschaften, er notiert sie sich in seinem Notizbuch, gemeinsam mit Zeichnungen und Bauplänen. Als er acht Jahre alt ist lernt er defekte Radios zu reparieren. Auch sein eigenes, das er im Unrat gefunden hat, vermag er so zu erweitern, dass es nicht nur den Rundfunk aus Deutschland empfängt, sondern Stimmen aus ganz Europa in das kleine Dachzimmer des Waisenhauses dringen – auch die eines jungen französischen Mannes, der über Meereslebewesen, Magneten, Licht und Wellenlängen zu erzählen weiß. Es ist das Jahr 1934.

Die Fensterscheiben scheppern in den Rahmen. Die Flak feuert eine weitere Salve ab. Die Erde dreht sich ein kleines Stück weiter.

Der Deutsche Werner und die Französin Marie-Laure, ihre beiden Schicksale sind auf wundersame Weise miteinander verknüpft, doch während Werner aufgrund seines Talents nach Schulpforta geholt wird, eine Elite-Erziehungsanstalt der Nazis, um dort an der Entwicklung von Feindsendern zur Aufspürung von Widerstandkämpfern zu arbeiten, fliehen Marie-Laure und ihr Vater vor den deutschen Truppen nach Saint-Malo.

Auch Edelsteinexperte Stabsfeldwebel Von Rumpel, “das Raubtier”, ist eine wichtige Figur – er hat seine ganz eigenen Motive, Das Meer der Flammen, den 133-Karat Diamanten zu finden, der nicht mehr im Naturkundemuseum liegt. Nach und nach kommt er zu der Überzeugung, dass ihn Marie-Laures Vater versteckt hält, der Schlüsselmeister des Museums. Je näher er dem Diamanten kommt, desto größer und bedrohlicher wird seine Präsenz.

Es gibt zwei Zeitströme: August 1944, eine Art Jetzt-Zustand in dem nur wenige Stunden vergehen, und die Ereignisse die dazu geführt haben, seit 1934, sprunghaft in Wochen und Monaten, bis sich beide schließlich zusammenfügen. In kurzen Kapiteln sind wir entweder bei Marie-Laure oder Werner, und zunehmend auch bei Von Rumpel.

Der Deutsche macht ihr Angst, in ihren Albträumen ist er eine drei Meter hohe Riesenkrabbe, klackt mit den Kiefern und flüstert ihr “Eine einfache Frage” ins Ohr.

Ein Buch das von Liebe, Grausamkeit und Überlebenswillen erzählt, kein Wort zu viel und keines zu wenig, eingefasst in wunderbare Metaphern. Das ist auch der Verdienst des Übersetzers Werner Löcher-Lawrence.

Es ist schwer, das Erlebnis und die Magie dieses Buches in Worte zu fassen: am liebsten würde ich gar nichts schreiben, sondern nur eine Reihe von Auszügen für sich selbst sprechen lassen. Das habe ich natürlich nicht als Erste festgestellt (eher als Letzte): Alles Licht das wir nicht sehen war Finalist für den National Book Award, The New York Times Book Review hat es zu einem der besten Bücher 2014 gewählt. Anthony Doerr erhielt dafür 2015 den Pulitzer-Preis für Literatur. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

1 Kommentar

  1. stefanie 12. Juli 2015

    das buch möchte man am liebsten sofort selber lesen. vielen dank für die schöne und aufschlussreiche rezension. 🙂

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