Dear Germany: Eine Amerikanerin in Deutschland

FKK, Lederhosen, Karneval - und immer wieder Honey

Dear Germany

Ich habe dieses Buch aus einem einzigen Grund bestellt: das Interesse, wie Menschen aus anderen Ländern oder Kontinenten ihr Leben in Deutschland bewältigen, welche Kuriositäten sie dabei entdecken, oder in welche Fettnäpfchen sie treten. Einen gelungenen Erlebnisbericht dieser Art habe ich bereits von einem anderen Amerikaner gelesen: Der die was von David Bergmann, ein lustiges Buch von einem sympathischen Autor. Was bei ihm der »Amerikaner im Sprachlabyrinth«, ist hier »Eine Amerikanerin in Deutschland«. Aber nicht irgendeine Amerikanerin, wie ich bei einem näheren Blick auf den Namen der Autorin feststellte. Carol Kloeppel, Frau von Peter Kloeppel. Im Wikipedia-Eintrag des RTL-Chefredakteurs steht: »Kloeppel ist seit 1993 mit einer Amerikanerin verheiratet und hat eine Tochter.« Das Buch dieser Amerikanerin habe ich also gelesen.

Carol Kloeppel empfahl sich einst Peter Kloeppel als Producerin und reiste ihm schließlich nach Deutschland hinterher. Hier empfand sie alles als sehr klein und streng geregelt, kam mit der Sprache nicht zurecht und litt unter der Angst, dass Peter (alias »Honey«) sie aus seiner Wohnung werfen würde (»Wieder einmal hatte ich seine geliebte Heimat beleidigt, und trotzdem jagte er mich nicht fort …«). Irgendwie (diese Passage wird nicht erzäht) heirateten die beiden dann doch und bekommen eine Tochter. Während zu Beginn die Strapazen der Fremdsprache im Vordergrund stehen, ist es seit der Geburt der Tochter das Alltagsleben zwischen fahrbahren Rasenmähern und Müllabholkalendern. So erfahren wir Leser auch von Carol Kloeppels Abneigungen, u.a. gegen Autobahnraser, nackte Menschen, öffentlichen Verkehr und Führerscheinprüfer in Lederhosen. Herzerreißend und bezeichnend für ihre schlechten Erfahrungen ist die Passage in der Bahn:

Kontrolleurin: »Ihren Führerschein, bitte.«
Carol Kloeppel: »Sorry, ick sprecke nikt gut Deutsch.«
Kontrolleurin: »Ihren Führerschein.«
Carol Kloeppel: »Sorry, mein Deutsch ist nikt sehr gut. Do you speak English?«
Kontrolleurin: »Sprechen Sie gefälligst Deutsch!«

Carol Kloeppel schreibt »mal humorvoll, mal ernst aber immer sehr herzlich«, verspricht der Umschlagstext. Die Herzlichkeit und die Ernsthaftigkeit möchte ich ihr nicht absprechen, aber die humorvollen Passagen sind rar gesät. Der Humor soll aus der Erkenntnis entstehen, dass in Deutschland vieles seltsam ist: z.B. die Angewohnheit mit der Jahreszeit auch die Reifen zu wechseln, dass Medikamente nicht frei zugänglich sind, dass Verkäufer zu unrecht gestresst sind, dass überall Menschen nackt herumlaufen (»Meiner Meinung nach gibt es Anblicke, die sollte man empfindlicheren Gemütern ersparen«), usw. Das amüsiert vielleicht einen Amerikaner, für einen Deutschen ist es Realität und selbst mit den Augen einer Amerikanerin betrachtet nichts Besonderes. Dass ein Deutscher Papst geworden ist, löst hingegen einen »wahren Freundentaumel« bei Carol Kloeppel aus: »Das war besser als der Super-Bowl!«. Wirklich lächeln musste ich nur an wenigen Stellen, z.B. als sie in den Verkehrsnachrichten von Gegenständen auf der Fahrbahn erfährt, und sich denkt: »Was konnte das nun wieder sein? Ich kannte Glühwein-, Reibekuchen- und Bratwurststände«.

Immer wieder dazwischen ein »Honey, was ist ein kölsche Mädel?«»Honey, ich möchte Allwetterreifen haben!«»Honey, hast du das kleine Schild gelesen?«. Mag ja sein, dass »Honey« authentischer ist, aber hätte sie nicht einfach »Peter« schreiben können? Das ewige »Honey …?«, wahlweise auch mal »Sweety …?«, nervt. Über Ihre Erfahrungen in Deutschland möchte ich lesen, nicht über Honey und seine Farbenblindheit, Honeys schlechten Einrichtungsgeschmack oder Honeys Ernennung zum »Chefschlepper« im heimischen Garten. Das Buch ist also nicht in erster Linie eine humorvolle Betrachtung der deutschen Eigenheiten (was ich erwartete), sondern eine Art Autobiografie in Kurzgeschichten. Peter »Honey« Kloeppels Ehefrau Carol präsentiert sich im Umschlag mit braver Föhnfrisur und Rollkragenpulli bis unters Kinn – und entspricht damit voll und ganz dem Bild, das sie selbst in ihrem Buch zeichnet: brav, prüde, konservativ.

Dass Carol Kloeppel nach all den Jahren Amerikanerin geblieben ist, wird nicht nur aus ihren vielen negativen Erfahrungsberichten deutlich, sie spricht es auch ganz offen aus:

Jürgen Klinsmann und seine […] Mannschaft brachten sogar mich als Amerikanerin dazu, einen Deutschlandschal hochzuhalten

Gelungen ist, dass sehr deutlich wird, mit welchen Schwierigkeiten eine Frau aus dem »prüden Minnesota« (mitsamt der überdimensionierten Straßen, Autos und Supermärkten) im engen Deutschland (inklusive FKK-Badestränden) zu kämpfen hat. Der einfache Schreibstil lässt sich ähnlich wie Kerkelings Pilgerbericht sehr leicht lesen, die Erlebnisse sind in thematische Kapitel mit 10 bis 20 Seiten Umfang geteilt (Recycling, Kindererziehung, Rauchen, Karneva, etc.). Das Buch eignet sich gegen Langeweile in ablenkungsstarker Umgebung, am Hotelpool zum Beispiel. Oder im öffentlichen Verkehr. Und wer vorher weiß, was er bekommt (einen Einblick in Familie Kloeppels Alltag), der wird mit dem Ergebnis auch zufrieden sein.

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