Mängelexemplar

Sarah Kuttner liest ihren einfühlsamen Roman

Karo macht eigentlich alles richtig als Romanheldin. Sie verliert ihren Job und beendet, wo sie schon dabei ist, auch gleich ihre eingeschlafene Beziehung. Alles auf Neuanfang, kann ja nur besser werden. Nach der Überwindung einiger ärgerlicher, aber harmloser Hindernisse wäre es in einem Unterhaltungsroman für Frauen dann an der Zeit, dass sich Traumjob und Traummann ankündigen und  ein Happy End folgt. Stattdessen kündigt sich ein Problem an, das sich schlecht als harmloses Hindernis einordnen lässt, zumal es, wie Karo feststellen muss, gar nicht leicht zu überwinden ist. Karo bekommt eine Depression.

Karos Depression ist ein Phänomen, das in der “Populärpsychologie” den Namen Quarterlife Crisis erhalten hat, als Pendant zur Midlife Crisis. Sie betrifft junge Menschen Mitte bis Ende 20, oft nach der Ausbildung und vor oder während des Eintritts ins Berufsleben, die plötzlich nicht mehr wissen, wo sie stehen. Als ich im Buchhandel den Buchrückentext von Sarah Kuttners Mängelexemplar gelesen habe, wollte ich das Buch direkt lesen:

Karo lebt schnell und flexibel. Sie ist das Musterexemplar unserer Zeit: intelligent, liebenswert und aggressiv, überdreht und traurig. Als sie ihren Job verliert, ein paar falsche Freunde aussortiert und mutig ihre feige Beziehung beendet, verliert sie auf einmal den Boden unter den Füßen. Plötzlich ist die Angst da. Lustig und tieftraurig, radikal und leidenschaftlich erzählt Sarah Kuttner von dem Riss, der sich plötzlich durch das Leben ziehen kann.

Ich erwartete eine witzige und – dem Thema angemessen – ernsthafte Geschichte. Ich mag Sarah Kuttner, also habe ich beschlossen, dass sie mir ihr Buch vorlesen soll. Das macht sie gut: energisch, im ständigen Wechsel einfühlsam und zynisch. Schließlich wird sie in der Ich-Form, ähnlich wie ihre Freundin Charlotte Roche mit Feuchtgebiete, irgendwie eins mit der Heldin ihres Romans.

Ich habe öfter auch gelacht, das Buch ist humorvoll, und ich konnte alles gut nachvollziehen, denn Sarah Kuttner beschreibt die Depression aus der Perspektive ihrer Heldin, die ihre Umwelt und sich selbst intelligent und berlinerisch unverblümt kommentiert, während sie Männer kennen lernt und aussortiert, Panikattacken und Rückfälle hat, Tabletten verschrieben bekommt und absetzt. Um dann  Stück für Stück ins Leben zurück zu finden, Dank einer eigenwilligen aber sympathischen Familie, einem wirklich perfekten besten Freund und schließlich eben auch einer Art Traummann.

Manchmal ist mir der beste Freund zu perfekt, die Flirts sind zu aufgeregt, der gefundene Traummann zu gut und anständig. Vielleicht ist es mir auch irgendwie nicht schlimm genug, was Karo in ihrer Depression widerfährt, als hätte ich von ihr erwartet, dass sie nicht ganz so weich fällt. Dann wäre das Buch natürlich nicht so lustig und unterhaltsam geworden. Vor allem ist es ein zeitgemäßes Buch, eine Frau Mitte zwanzig ganz von heute, die ihre ersten Therapiesitzungen mit dem Recall einer Castingshow vergleicht, und es ist ein glaubwürdiges Buch, so als habe Sarah Kuttner ähnliches durchgemacht.

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