AmokspielEin dunkler Umschlag, bedrohlich schweben schwarz-rote Wolken über dem Berliner Fernsehturm. Amok Spiel steht in großen roten Lettern darauf, zwei kurze Begriffe, einer suggeriert Wahnsinn und Tod, der andere steht für unschuldiges Vergnügen. Auf dem ersten Blick klar: das ist ein Psychothriller.

Während die Kriminalpsychologin Ira ihren Selbstmord plant, nimmt anderswo in Berlin ein Mann Geiseln bei einem populären Radiosender. Denkbar grausam verkündet er »On Air« seine Spielanleitung: Per Zufallsprinzip ruft er eine Nummer in Berlin an. Der Angerufene muss dann eine bestimmte Parole sagen. Sagt er diese korrekt auf, wird eine Geisel freigelassen. Wenn nicht, muss sie sterben. Als sei der Fall nicht schon verzwickt genug, will der Mann sein »Amok Spiel« erst dann einstellen, wenn seine Verlobte zu ihm ins Studio kommt. Diese, so lässt man den Leser wissen, ist jedoch längst tot …

Eine gute Basis für einen Psychothriller. Wie lässt sich diese Diskrepanz auflösen? Was kann die selbstmordgefährdete Ira erreichen und wie wird sich ihr Charakter im Lauf der Geschichte entwickeln? Es beginnt spannend und auch mit den stereotypen Figuren kann man sich irgendwie abfinden.

Der Autor beherrscht die gängigen Spannungskonventionen, er lässt pünktlich zu Kapitelende eine Waffe ziehen, holt unvermittelt einen bisher Unbeteiligten in den Verdächtigenkreis, erschießt eine Geisel. Doch leider laufen weder die Fäden reibungslos zusammen, noch zeichnet sich das Buch durch einen guten Stil aus. Wenn es leichte Unterhaltung sein soll, wenn man keinen Wert auf präzise Charakterzeichnung legt, sondern einen atemlosen Action-Thriller in Buchform sucht, ist man bei diesem Buch genau richtig.

Ein Geiseldrama in Berlin

Das Vermächtnis der WanderhureVermächtnis steht für Nachlass oder Erbe und so habe ich eigentlich erwartet, die Wanderhure Marie im dritten Band tot vorzufinden – zumal ich den zweiten Band nicht gelesen habe. Tatsächlich ist sie nur um einige Jahre gealtert, seit sie bei unserer letzten Begegnung als wandernde Hure am Bodensee des 15. Jahrhunderts ihr unfreiwilliges Unwesen trieb.

Du bist fünf harte Jahre als Wanderhure über die Straßen gezogen, Marie, du hast einen grauenhaften Winter in der Gefangenschaft der Taboriten überstanden. Also wirst du auch jetzt nicht aufgeben! (Marie, zu sich selbst)

Schon damals war das Buch reichlich mit Gewaltszenen (Folter und Vergewaltigung) ausgestattet. Jetzt, knapp 20 Roman-Jahre später und um einige Stände höher (Herrin eines Lehens), wird ihr der neugeborene Sohn von einer Frau entrissen – deren seelische und körperliche Hässlichkeit nicht oft genug erwähnt wird – und sie selbst wird in die Sklaverei nach Russland entführt.

Zu ihrem Glück gilt sie in ihrem Alter nunmehr als »altes Weib«. Da ist es nur fair, dass die zahlreichen Züchtigungen und Vergewaltigungen nicht mehr ihr geschehen (sie hat ja auch genug mitgemacht!), sondern einer jungen Mitgefangenen aus Afrika, die bald ihre Freundin wird. Währenddessen heiratet der vermeintliche Witwer daheim in Deutschland wieder (er scheint vor allem den geregelten Beischlaf zu vermissen). Der Leser weiß natürlich, dass die bewanderte Hure auch diesmal zurückwandern wird. Wenn sie dann allerdings irgendwann in Riga an Land geht, fürchtet man bei einem Blick auf die Landkarte mit den zahlreichen, quer in Europa verteilten verzeichneten Ortsnamen ihrer Wanderschaft, dass die folgenden 500 Seiten kaum ausreichen werden, den beschwerlichen Heimweg zu beschreiben.

Ein süffiger Schmöker, nicht ohne Enttäuschungen. Trotz einer verstärkt politischen Ausrichtung wird das Autorenpaar alias Iny Lorenz seinem Ruf gerecht, ihre weiblichen Protagonistinnen von einer Vergewaltigung, Schändigung und Auspeitschung in die Nächste zu treiben. Das scheinen sie in einem Anflug von Selbstkritikgar selbst einzusehen: »[...] begriff sie [Marie], dass sie all das, was eigentlich nur die Ausgeburt einer perversen Phantasie sein konnte, am eigenen Leib erlebte. « [Erzähler, Seite 116, Z. 5].

Wo wandert die Wanderhure diesmal hin?

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