Der SchwarmEiner zündet ein Streichholz an, Zigarette oder Pfeife, und sagt bedeutungsschwer: “Nichts ist mehr wie es war”. Es ist eine fremde Intelligenz aufgetaucht, sie ist bösartig und sie kommt nicht aus dem Weltraum, wo wir ja derlei Dinge normalerweise vermuten. Es kommt aus dem Meer – Haie und Wale formieren sich zum gezielten Angriff auf den Menschen, ein Tsunami zerstört Nordeuropa.

Mit den ungewöhnlichen Vorkommnissen im Meer werden Würmer ans Ufer gespült, durch sie stoßen die Protagonisten, Wissenschaftler verschiedener Bereiche und Länder, auf eine maritime Lebensform, die alle Katastrophen koordiniert. Bald ist der medientaugliche Name für die Einzeller gefunden: “die zweite göttliche Rasse” hat den Menschen (die erste göttliche Rasse!) als natürlichen Feind erkannt und versucht nun, ihn zu vernichten …

In der Hauptrolle brummelt der deutsche Jack Nicholson (Joachim Kerzel), die beste Wahl unter den Sprechern (neben Mechthild Großmann). Frauke Poolman und den meisten anderen Sprechern hört man das artikulierte Ablesen sehr an – die Frau des Autors spricht übrigens auch mit. Gut gelungen sind dagegen die stimmungsvollen Hintergrundgeräusche.

Lange konnte ich dem Werk widerstehen, zumal mich der eitle Blick und die grau melierte Föhnfrisur des Autors stets abgeschreckt hat. Das Gute an einem Hörbuch oder Hörspiel ist ja, dass ein Weglegen des Buches umgangen wird, man hört es eben so nebenbei. Das geht mit diesem Hörspiel nicht, es fordert volle Konzentration: Zu komplex ist die Geschichte, zu viele Stimmen und skandinavische Namen müssen unterschieden werden. Unversehens ruft jemand: “Du Defätist!” Moment, nachschlagen – jemand, der allgemein anerkannten Werten, der vorherrschenden Meinung oder einer offiziellen politischen Doktrin gegenüber negativ eingestellt ist (Langenscheidt Fremdwörterbuch).

Spannend, auf eine Dan Brownsche Art und Weise, ist es trotzdem. Noch besser, da es eine gekürzte Fassung ist (mit einer Laufzeit von 726 Minuten), die man so mit viel Ausdauer an einem Tag hören kann. Das lässt sich von der knapp 1000-seitigen Buchvorlage wohl nicht behaupten. Dem Autor wünsche ich viel Erfolg bei der anstehenden Hollwoodverfilmung – hat er anvisiert, hat er sich verdient.

Von Killermuscheln und smarten Einzellern

Der Puppensammler„Die intellektuelle Bildung soll in keiner Weise dazu führen, dass der große Schatz, den unser deutsches Volk in der Herzensreinheit und Gemütstiefe deutscher Frauen und Mädchen allezeit hochgehalten hat, irgendwie noch eine Beeinträchtigung erfahre“, beruhigt der preußische Kultusminister im Oktober 1908 die konservativen Gemüter. Gerade wurde im Bundestag beschlossen, dass von nun auch Frauen in Universitäten ihren “Verstand fördern” dürfen.

Cecilie, die gutbürgerliche Heldin des Romans “Der Puppensammler” ahnt 1878 davon noch nichts, als sie mit ihrem offenbar unmöglichem Traum Medizin zu studieren, der drohenden (weil arrangierten) Hochzeit mit einem Baron entflieht – und dabei in einen Keller gerät, in dem Leichen seziert werden. Der Gerichtsmediziner Hektor von Thorwald hat gerade eine aufwändig hergerichtete Frauenleiche unterm Messer und stellt Cecilie als Assistentin ein, nachdem diese weder beim Anblick des aufgeschnittenen Cerrebrums noch bei abgetrennten Brüsten zusammenklappt.

Als noch weitere puppengleich hergerichtete Mädchen auftauchen, wird das ungleiche Team zunehmend in die Mordermittlung verwickelt. Bis Cecilie sogar ihren ungeliebten Verlobten des Mordes verdächtigt …

Mila Lippke hat einen unkomplizierten historischen Roman erschaffen, garniert mit politischen und gerichtsmedizinischen Elementen. Dass die Autorin aus dem Drehbuch-Genre stammt merkt man der Geschichte an, die sehr auf das Vorantreiben der Handlung bedacht ist und die Beschreibung von Orten und Personen der Fantasie überlässt. Leider laufen die Handlungsstränge nicht immer zusammen und ihre Figuren bleiben eindimensional, so dass die Geschichte nicht lange im Gedächtnis bleiben wird. Trotzdem: Ein Buch, das ich bis zum Schluss nicht (für lange) aus der Hand gelegt habe. Bleibt nur die Frage – was ist mit jenem blonden Haar auf der Leiche geschehen?

Frauenzimmer, Serienmörder und Sozialismus im Kaiserreich!