Die PilgerinDas heutige, hiesige Frauen-Dasein ist doch herrlich, vor allem, wenn man die mitteralterlichen Frauengestalten aus Iny Lorentz Romanen zum Vergleich herbeizieht. Diese kommen zwar stets aus gutem Hause, doch verlieren sie diesen Stand zuverlässig bis Kapitel 2 und werden erstmal ordentlich vergewaltigt, verprügelt und vertrieben. Der beschwerliche Weg zurück zur verlorenen Ehre, natürlich zum Ort der Ungerechtigkeit um dort Vergeltung zu üben, das ist auch wieder Motiv des neusten Romans.

Deutschland im 14. Jahrhundert: Als Tillas wohlhabender Vater ermordet wird und ihr Bruder sich bei dem grobschlächtigen Handelsherr Veit Gürtler anbiedert, ahnt der erfahrene Iny-Lorentz-Leser was da kommen muss: Tilla wird zwangsverheiratet und erleidet sogleich ihre erste Vergewaltigung. Diese Ehe dauert nicht lang, denn bereits am nächsten Morgen liegt ihr Peiniger tot im Ehebett. Tilla nutzt diese Chance und geht auf Pilgerreise nach Santiago de Compostela, im Gepäck das Herz des Vaters. Dass sie dabei auch einige pikante Dokumente entwendet hat, merkt sie nicht. Erschwert wird das Unternehmen Pilgerreise dadurch, dass Tilla aus Furcht vor Verfolgung unerkannt reisen muss und sich als Mann ausgibt.

Besonders fasziniert war ich bei diesem Roman von dem schier unerschöpflichen Einfallsreichtum des Autorenpaars wenn es darum geht, sich Spitznamen für das männliche Geschlechtsteil auszudenken. Da fallen Namen wie »Stock« (Varianten: »Zollstock«, »Stöcklein«), »Schwert«, »kleiner Sebastian« (als Pendant zum großen Sebastian), »Stänglein« und »Dingelchen« – um nur ein paar zu nennen. Beim Beischlaf »reitet der Hengst der sein Stütchen«, von den zahlreichen Vorsilben des Wortes »reiten« ganz zu schweigen. So läuft es: Sobald es eintönig wird, gibt’s ne Sexszene, meist in Form von Vergewaltigung.

In der Geschichte fügt sich sich alles zu sauber zusammen, zu leicht treffen sich verloren gegangene Pilger wieder. Die Frauenfigur in diesem Roman gleicht stark den anderen Iny-Lorentz-Frauen (obwohl diese Frau zur Abwechslung nicht pauschal schön ist, »sondern eher hübsch«). Dasselbe gilt für den männlichen Gefährten: unreifer aber wunderschöner Bengel entwickeln sich zu selbstbewusstem, leicht dominantem Kerl. Und natürlich lernt die Protagonistin auch diesmal mühelos alle Fremdsprachen, die ihr auf ihrem Weg begegnen (Eingeständnis hier: sie verlernent’s wieder). Apropos Weg: Während der Hinweg lang und beschwerlich ist, sind die Beteiligten ruckzuck wieder zu Hause, wo sich, natürlich, alles zu ihren Gunsten entwickelt. Diese beständige Erzählstruktur ist das Tolle an Iny Lorentz Romanen. Da weiß man einfach was kommt.

Von Stöckchen, Stänglein und Dingelchen

Der SchwarmEiner zündet ein Streichholz an, Zigarette oder Pfeife, und sagt bedeutungsschwer: “Nichts ist mehr wie es war”. Es ist eine fremde Intelligenz aufgetaucht, sie ist bösartig und sie kommt nicht aus dem Weltraum, wo wir ja derlei Dinge normalerweise vermuten. Es kommt aus dem Meer – Haie und Wale formieren sich zum gezielten Angriff auf den Menschen, ein Tsunami zerstört Nordeuropa.

Mit den ungewöhnlichen Vorkommnissen im Meer werden Würmer ans Ufer gespült, durch sie stoßen die Protagonisten, Wissenschaftler verschiedener Bereiche und Länder, auf eine maritime Lebensform, die alle Katastrophen koordiniert. Bald ist der medientaugliche Name für die Einzeller gefunden: “die zweite göttliche Rasse” hat den Menschen (die erste göttliche Rasse!) als natürlichen Feind erkannt und versucht nun, ihn zu vernichten …

In der Hauptrolle brummelt der deutsche Jack Nicholson (Joachim Kerzel), die beste Wahl unter den Sprechern (neben Mechthild Großmann). Frauke Poolman und den meisten anderen Sprechern hört man das artikulierte Ablesen sehr an – die Frau des Autors spricht übrigens auch mit. Gut gelungen sind dagegen die stimmungsvollen Hintergrundgeräusche.

Lange konnte ich dem Werk widerstehen, zumal mich der eitle Blick und die grau melierte Föhnfrisur des Autors stets abgeschreckt hat. Das Gute an einem Hörbuch oder Hörspiel ist ja, dass ein Weglegen des Buches umgangen wird, man hört es eben so nebenbei. Das geht mit diesem Hörspiel nicht, es fordert volle Konzentration: Zu komplex ist die Geschichte, zu viele Stimmen und skandinavische Namen müssen unterschieden werden. Unversehens ruft jemand: “Du Defätist!” Moment, nachschlagen – jemand, der allgemein anerkannten Werten, der vorherrschenden Meinung oder einer offiziellen politischen Doktrin gegenüber negativ eingestellt ist (Langenscheidt Fremdwörterbuch).

Spannend, auf eine Dan Brownsche Art und Weise, ist es trotzdem. Noch besser, da es eine gekürzte Fassung ist (mit einer Laufzeit von 726 Minuten), die man so mit viel Ausdauer an einem Tag hören kann. Das lässt sich von der knapp 1000-seitigen Buchvorlage wohl nicht behaupten. Dem Autor wünsche ich viel Erfolg bei der anstehenden Hollwoodverfilmung – hat er anvisiert, hat er sich verdient.

Von Killermuscheln und smarten Einzellern

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