Die TotenleserinDie ersten paar Seiten muss man trotz des seltsam führerlosen Schreibstils schaffen. Das liest sich auch nicht nebenher, mit Geräuschpegel im Café – hier ist Stille und Konzentration gefragt, um sich in Ariana Franklins sehr eigenen, irgendwie nebligen, verschwommenen Stil hineinzufinden. Mal spüre ich die Geschichte ganz deutlich, bin mittendrin, sehe die Figuren und Schauplätze glasklar vor mir, im nächsten Moment erscheint alles wieder entrückt und undeutlich. Aber irgendetwas fesselt mich und lässt mich weiterlesen.

Im Cambridge des Jahres 1170 werden Kinder gekreuzigt. Nicht, dass das an der Tagesordnung wäre – weshalb sehr schnell der vermeintliche Schuldige gefunden wird: die jüdische Gemeinde, die unter einem strengen, aber liberalen König Henry II. ein gutes Leben führt. Dieser möchte seine Zweifel ausräumen, weshalb er aus der renommierten Medizinstadt Salerno einen Totenarzt kommen lässt – genauer eine Totenärztin namens Adelia, die einen Agenten und einen Eunuchen mit sich führt. In der damals wenig emanzipierten Welt muss die junge Frau jedoch heimlich praktizieren.

Die Untersuchung der Kinderleichen fördert schreckliche Tatsachen zutage, was den Leser schon die eindringlichen Beschreibung der kindlichen Schmerzensschreie befürchten ließen. Auch die Totenärztin lässt der grausame Anblick nicht kalt, umso mehr verschreibt sie sich der Aufklärung der Morde und kann bald die Juden als Täter ausschließen – was weder dem Klerus noch dem Adel gefällt.

Neben den kriminologischen und historischen Elementen lässt Ariana Franklin auch die Romantik nicht zu kurz gekommen: der zwiespältige Sir Roland wird bald mehr für die Totenleserin als nur ein Gefährte auf der Spur des Mörders. Als einer von Adelias Begleitern ermordet und ein weiteres Kind entführt wird, spitzt sich die Situation zu. Jeder könnte der Mörder sein …

Das hat Weiterlesen hat sich ausgezahlt. Farbenfroh und in einem überraschend pragmatischen, mitunter witzigen und sehr modernen, zielstrebigen Stil wurde ich unterhalten: der Roman ist eine spannende Mischung aus Historischem Roman, Romanze, Krimi und Komödie – toll!

Die Totenleserin will ich lesen!

Der Campus-KniggeMal angenommen ich bin jetzt Student und habe keine Ahnung (was ja auch schon mal der Fall war) und suche ein Buch, das mir die ganzen seltsamen Begriffe erklärt, die der Eintritt ins Studium so mit sich gebracht hat. Weil fragen möchte ich niemanden, da wird man dann so skeptisch angeschaut, als sei die Kenntnis des ganzen Studentenvokabulars eine Grundvoraussetzung für die Zulassung. Ja, dann kaufe ich mir lieber genau so ein Buch wie dieses, mit einem biederen Studentinnen-Zopf darauf, ohne einen Blick hineinzuwerfen.

Dass dies jedoch keine trockene aber informative Erklärung von studentischen Begriffen ist, wird schnell klar. Hier hat sich ein ganzer Haufen Prof. Dr. (und M.A. jur. em. a.D. h.c. mult.) verschiedener Unis am humorvollen Anekdoten versucht, die zwar einige Studienbegriffe abhandeln, jedoch auch viele Begriffe umschreiben, die der belesene Erstsemestler schon seit Kindergartentagen kennt, wie “Coolness”, “Langeweile” oder “Schweine”. Echte Problemfälle wie “Akkreditierung”, “Approbation”, “Habilitation” oder “Spectabilis” und viele andere kommen hingegen nicht vor.

Zur Qualität der Artikel: Diese sind mitunter wirklich gut, wenn auch manchmal befremdlich, wie der kurz geratene Eintrag zum Thema Frauen: “FRAUEN – Nicht zu verwechseln mit -> guten Männern. aber es gibt noch Hoffnung (-> Finnland).” Der Pfeil stellt übrigens den Querverweis zum gleichnamigen Artikel dar. Für Erstsemestler ist das Buch nicht gedacht. Diese werden von der schwarzen Ironie einiger Artikel womöglich so sehr abgeschreckt, dass sie noch von ihrem Studienplatz zurücktreten. Höhere Semester und Dozenten werden dagegen ihre wahre Freude an diesem Buch haben.

Der universitäre Schlagabtausch der Fraktion Prof.Dr.