Zu Besuch bei Don Otavio Sieht aus wie ein Roman. Man hat sich auch nicht die Mühe gemacht, einen anderen Eindruck zu erwecken. Dabei ist es doch ein Reisebuch! Oder? “Was für eine aussagelose Kategorie!” beklagt Bruce Chatwin (brit. Schriftsteller) im Vorwort, und wie Recht er hat.

Es ist ein Buch aus den 50ern, erlebt kurz nach Kriegsende und enthält somit natürlich keine aktuellen Hotelempfehlungen. Nein, Sybille Bedford will einfach was von der Welt sehen und so macht sie sich mit ihrer Freundin auf den Weg nach Mexiko, stets auf der Suche nach Abenteuern, und zeichnet aus ihren Erinnerungen ein derart vorurteils- und klischeefreies Bild von Mexiko und den Mexikanern, wie ich es in zeitgemäßen Reiseführen und Berichten noch nie erlebt habe. Man hört, schmeckt und sieht Mexiko, erfährt seine Geschichte, lernt seine Menschen kennen und alle damaligen Trends, erkennt das heutige Mexiko im alten wieder.

Der erste Eindruck von Mexico-City ist sinnlich, unendlich sinnlich. Sonne, Höhe, Bewegung, Gerüche, Lärm. Und ein Entrinnen ist unmöglich. Es gibt keinen abgeschirmten Zufluchtsort, es hilft nichts, im Hotelzimmer zu sitzen und sich mit Reiseführern zu beschäftigen. Es ist da, man ist mittendrin.

Dieser geradlinige Stil, spritzig, schnörkellos, charmant, humorvoll! Jeder, der Mexiko ebenso liebt wie ich, muss dieses Buch sowieso lesen. Auch diejenigen, die nach Mexiko reisen und dabei noch das Bild des unterm Kaktus dösenden Machos mit Sombrero im Kopf tragen. Und alle anderen auch. Vielen Dank an den Verlag für diese Neuauflage!

Viva Mexico, viva este libro

Der siebte TodDie erste Person Singular als Erzählperspektive zu wählen hat den Vorteil, dass sich der Leser mit der Figur leichter identifiziert. Sie eröffnet Gedanken und Gefühle der erzählenden Person. Eine schwierige Perspektive und somit eine selten gewählte, denn der Autor bindet sich an die erzählende Figur, kann die Ereignisse nur anhand deren Wahrnehmungen erzählen. Genau das ist bei diesem Roman gewollt.

Der Leser sitzt im Kopf von Joe, dem “Schlächter von Christchurch”. Niemand weiß, dass er der kaltblütige Mörder von sechs Frauen ist. Das hat er auch unter Kontrolle, denn als Putzmann bei der Polizei kann er die dortige Stimmung gut erfassen. Nicht zuletzt weil diese ihm, ahnungslos und gutgläubig, gerne detaillierte Auskunft gibt. Joe weiß den zurückgebliebenen Trottel wirklich gut zu spielen.

Joe, der lakonisch-witzige Mann, dessen Schoten und weise Bobachtungen lächeln lassen. Der bereits auf Seite neun erst einer Katze das Genick umdreht, dann die Besitzerin während der Vergewaltigung an einem Ei ersticken lässt. “Hoppla.”
Doch dann stirbt eine siebte Frau. Aber Joe war es nicht. Bestraft werden muss der Fremde dafür – und am besten die Schuld an den eigenen Morden als Beigabe mit ins Grab nehmen.

Der Leser begleitet Joe bei seinen leidigen Nachmittagen auf Mutters Sofa, beim Putzen von Toiletten, bei der Goldfischfütterung. Welche einem Kater als Mahlzeit dienen, und der Leser fürchtet, dass es nicht bei einer toten Katze bleiben wird. Aber auch das würde er der Sympathiefigur Joe, der doch eigentlich ein grausamer Mörder ist, verzeihen. Erstaunlich, wie leicht ich mit einem Psychopathen Freundschaft schließe – wie ich nach und nach eins mit Joe zu werden drohe – und wie Paul Cleave das hinbekommen hat.

Wer schon immer mal Psychopath sein wollte …