Hexenschwester | Marion von SchröderLene und Clara sind Zwillingsschwestern. Lene verliebt sich in den attraktiven und klugen Buchbinder Velten – und er scheint ihre Liebe zu erwidern, schließlich küsst er sie unverhofft in einer dunklen Gasse auf dem Dorffest und sichert ihr zu, den Vater bald um ihre Hand zu bitten. Nun also neigt sich die unschuldige Zeit einem Ende zu, in der sie in der gemeinsamen Schlafstätte die Zehen mit ihrer Schwester verschränkte, und es tut ihr schon recht leid um Clara, die doch zurückbleiben wird.

Die Freude auf den aufregenden neuen Abschnitt in ihrem Leben überwiegt natürlich, und sie hält erwartungsfroh die Hand der Schwester, als sich Velten niederkniet, und – Clara um deren Hand bittet.
Für Lene bricht die Welt zusammen. Nicht sie hatte er auf dem Dorffest küssen wollen, sondern ihre Schwester, die er unter Einfluss von Wein und Dunkelheit mit Lene verwechselte. Clara also heiratet Velten. Und Lene, die nicht zurückbleiben möchte, während die Schwester mit dem Geliebten zur glücklichen Frau wird, heiratet den nächstbesten Bewerber.

So beginnt Katerina Timms historischer Roman im hessischen Büdingen Mitte des 17. Jahrhunderts, in den wirren Konflikten des Dreißigjährigen Kriegs, wo Spanier, Kroaten und Schweden nacheinander einfallen und viele Frauen des Dorfes als Hexe denunziert werden, um unter Folter die unmöglichsten Verbrechen gestehen und schließlich verbrannt werden. Etwas ähnliches scheint auch einer der Schwestern zu blühen, soviel verrät der Titel.

Ich war sehr gefesselt von dem Buch, die Ausgangslage kann ja ungewisser kaum sein: die große Liebe wird mit der Schwester verheiratet, die aussieht wie das eigene Spiegelbild, und die Gefahr lauert an allen Fronten. Die Identifikation mit der Hautpfigur fiel mir auch leicht, sie trägt sogar denselben Rufnamen wie ich sebst.
Sie ist der Typ Mädchen oder junge Frau, der in historischen Romanen gern die Hauptrolle spielt: hübsch, als »Makel« eher ein wenig zu dünn und mit zu kleinen Brüsten, selbstbewusst und optimistisch.

Katerina Timm ist darum bemüht, tatsächlich Geschehenes in die Geschichte einzuweben, als habe sie in einem Archiv von dieser und jener Begebenheit gelesen, und sie dann einarbeiten wollen, der historischen Glaubwürdigkeit zuliebe. Das passt nicht immer rein, dient aber zumindest der Geschichte um die beiden Schwestern nicht. Nach einem sehr vielversprechenden Anfang wird mir die Figur Lene so allmählich fremd. Eine lange Zeit lang läuft ihre Geschichte recht ereignislos vor sich hin: Lene ist eher unglücklich vor allem aber teilnahmslos verheiratet, wagt sich im Beruf ihres Mannes auf vorsichtige Innovationen die nicht auf Gegenliebe stoßen und auch in der Geschichte unterentwickelt bleiben.

Lene ergibt sich ihrem Schicksal jahrelang. Langsam begann ich mich – angesichts des nahenden hinteren Buchdeckels – zu fragen, wie das enden soll. Bis sich plötzlich alles dreht und eine Zukunft mit dem geliebten Velten doch noch in greifbare Nähe rückt. Mit zunehmender Dramatik wird dabei auch Katerina Timms Schreibstil zunehmend ätherisch. Das klingt dann so: »Sie erahnte die Stelle, wo sie dem Vogel eine Freiheit gegeben hatte, wie sie ihr wiedergegeben worden war, eine Freiheit, die vielleicht direkt in den Tod führte und die doch besser war, als gefangen zu sein.«

Es ist ein historischer Schmöker der guten Art, ein bisschen Liebesgeschichte, vor allem mit viel zeitgenössischer Atmosphäre.

Ungewisses Happy End bis zur letzten Seite …

Das Mädchen seiner Träume | DiogenesWieder ein Brunetti, 17 sind es mittlerweile. Nimmt das kein Ende? Seit 1992 schreibt Donna Leon jährlich einen Roman, dessen Protagonist, der venezianische Polizist Commissario Guido Brunetti, längst zur Marke geworden ist. Und sie hat ein recht klares Schema: ein Kriminalfall, meist ein Mord, parallel dazu ein sozialkritischer Aspekt und als Gegenpol der Hoffnung jede Menge Brunetti-Familienleben.

Der Mordfall dieses Romans ist der eines jungen Mädchens, das tot in Venedigs Kanälen treibt. Sie gehört zu den Roma, womit zugleich auch das gesellschaftskritische Anliegen des Romans abgesteckt ist. Der Kriminalfall tritt gute 150 Seiten lang zurück und macht Platz für eine detaillierte und anschauliche Beschreibung der Lebensverhältnisse der Roma: Donna Leon berichtet sehr gründlich davon, wie die Bevölkerungsgruppe unter dem gesellschaftlichen Ausschluss leidet. Interessant und lehrreich, aber nicht spannend.

Der Spannung ebenfalls nicht zuträglich ist die extra große Portion Familienleben (Brunettis Mutter stirbt). Es freut sich dagegen, wer Familie Brunetti seit 17 Bänden verfolgt und lieb gewonnen hat und die geistreichen Wortwechsel im Kommissariat zu schätzen weiß. Wenn auch die (in der Vergangenheit sehr fesselnde) Krimi-Spannung von Band zu Band abnimmt – gute Dialoge fallen Donna Leon immer ein.

Vielleicht ist es mein Fehler, immer noch einen spannenden Krimi hinter der Marke Brunetti zu erwarten. Dabei ist es Donna Leon offensichtlich viel wichtiger über gesellschaftliche Missstände zu berichten und liebevoll den venezianischen Alltag darzustellen. Der Kriminalfall gerät zur Nebenhandlung. Auch wenn ich mich (in Erwartung eines Krimis) streckenweise langweilte ist der 17. Fall wieder besser als die letzten beiden.

Donna Leon kann wunderbar schreiben. Sie fordert etwas von ihrem Leser, und sei es nur das Bewusstsein, dass im Leben eben nicht alles sauber aufgelöst und abgeschlossen wird. Trotzdem: schön wär’s schon, mal wieder was richtig Spannendes von ihr zu lesen. Hoffnung nicht aufgeben, warten wir eben auf’s nächste Jahr.

… wieder kein Brunetti-Krimi wie früher.

Auch gelesen hat’s Ines Dietzsch / krimi-couch.de und meint: »Ein gewisser Unterhaltungswert ist dem Roman nicht abzusprechen, jedoch Krimi-Spannung? – Fehlanzeige«

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