FeuerbrautUnd schon wieder schreiben sie ein Buch. Das nette alte Ehepaar aus München, das auf ihrer Webseite (www.iny-lorentz.de) aussieht wie eine zweiköpfige Hydra. Bevorzugt platziert das Duo junge, schöne Mädchen in historischem Umfeld um sie nebst viel Leid auch einem Schuss Liebe und Happy End auszusetzen.

Sehr gut kommen die Bücher der beiden bei mir selten weg – dennoch lasse ich sie mir gerne zuschicken und lese sie und freue mich dann, meine Erwartungen und Vorurteile bestätigt zu sehen. So habe ich mich auch bei ihrem neusten Werk wieder hinreißen lassen. Natürlich komme ich zu spät – sicherlich ist bereits ein neues Buch in Produktion, und dieses längst auf dem Weg in die Taschenbuch-Presse. Dennoch: hier ist der aktuelle Iny Lorentz.

Diesmal spielt er im Dreißigjährigen Krieg: die junge, schöne und reiche Irmela (es gibt tatsächlich Versuche, sie als nicht absolut perfekt darzustellen) gerät aufgrund einiger Umstände (die Schweden zerstören ihre Heimatstadt, ihr aber gelingt es dank Klugheit und List sich und ein paar Andere zu retten) in den Verdacht eine Hexe zu sein. Als Opfer des Racheplans eines Kirchenmanns und mehrerer Weibsbilder rückt sie dem Scheiterhaufen immer näher und dem Vermögen und Ansehen, das ihr zusteht, immer ferner. Aber wir lesen einen Iny Lorentz Roman und so ist es gewiss, dass die Heldin zunächst durch ein tiefes Tal der Tränen schreiten muss (der geifernde Leser erlebt Verstümmelung, Intrigen und Sex), um schließlich sowohl Wiedergutmachung als auch erfüllte Liebe zu finden.

Interessant ist auch ein Blick auf die Sternevergabe bei Amazon – zwischen “gute Unterhaltung” und “Dreigroschenroman” hat jeder so seine Meinung: man mag die leichte Unterhaltung, oder eben nicht. Eines aber ist gewiss: wenn man Iny Lorentz kauft, dann weiß man was man bekommt. Auch dieser Roman ist weder Anspruch noch Bildung, sondern erotische und spannende Unterhaltung – ein “Pageturner” nach immer gleichem Schema.

Unterhaltungswerk mit dem Anspruch, anspruchslos zu sein

Erfindung der DeutschenEs ist eine Bildungslücke: wie entstand die deutsche Nation? Den mangelnden deutschen Patriotismus mal beiseite gelassen – ich konnte diese Frage jedenfalls bislang nicht beantworten. Mein deutsches Verständnis umfasst hauptsächlich unser (größtenteils) tragisches letztes Jahrhundert, das im Geschichstunterricht der gesamten Schulzeit immer wieder exerziert wurde: 1900 mitsamt dem ersten Weltkrieg, der Weimarer Republik, dem Nationalsozialismus, der Trennung Deutschlands, bis zur Wiedervereinigung.

Was aber was war zuvor? Wir wurden wir, was wir sind – eine Nation mit einer einheitlichen Sprache?
Die Antwort auf diese Frage kündigen die Herausgeber Klaus Wiegrefe (Historiker, zuständig für Zeitgeschichte beim SPIEGEL) und Dietmar Pieper (Literaturwissenschaftler, Leiter des Ressorts Deutsche Politik beim SPIEGEL) im Untertitel bereits an.

Knapp 30 Historiker und Redakteure haben Artikel zu verschiedenen Kapiteln der deutschen Geschichte und Identität verfasst, die sich nicht etwa schwerfällig an den chronologischen Eckdaten der deutschen Geschichte entlanghangeln, sondern sich einfallsreiche Details herausgreifen und so das Wesen der Deutschen als Volk gekonnt umreißen. Dietmar Pieper etwa schreibt darüber, warum es für Deutschland so viele verschiedene Namen gibt; Georg Bönisch setzt sich mit der Frage auseinander, ob es die Germanen überhaupt gab. Ulrike Knöfel fragt sich: »Gibt es eine deutsche Malerei?« und Heinrich August Winkler erläutert, dass schon im Kaiserreich die Grundlagen für die »nationalsozialistische Katastrophe« zu finden sind.

Die Erfindung der Deutschen, zuvor schon als Spiegel-Spezial-Heft erschienen, ist populärwissenschaftlich. Massentauglichkeit ist nichts Abwertendes oder Unseriöses – zumal das Buch niveauvoll geschrieben ist. Es ist offensichtlich, dass hier vornehmlich versierte Redakteure die Feder in der Hand hielten: die Essays sind spritzig, anschaulich und für gebildete, geschichtsfremde Menschen leicht verständlich.

Einen genauen Blick ist der Umschlag wert: hier tanzen deutsche Persönlichkeiten lustig in Breughels “Tanz um den Maibaum”; statt Maibaum weht die deutsche Flagge. Na, wen erkennt Ihr? Ganz links drücken sich, Hand in Hand, die Dichterfreunde Goethe und Schiller aneinander, rechts tanzt Adolf Hitler aus der Reihe. Dazwischen tummeln sich u.a. Konrad Adenauer, Martin Luther und Ludwig von Beethoven; Angela Merkel bettet Otto von Bismarck auf ihrem Schoß. Alle habe ich nicht erkannt – nach diesem Buch sind aber auch “ältere” Deutsche wie die grimmige blonde Dame keine Fremden mehr.

Deutsche Geschichte und Identität – sehr lesenswert!