Geschichte Deutschlands | TheissWas es dieses Jahr wieder für Geburts-, Todes- und Jahrestage gab. 1929 kam zum Beispiel die erste Geschirrspülmaschine von Miele auf dem Markt, 80. Jahrestag, herzlichen Glückwunsch.
In der Kategorie Literatur gab es Die Blechtrommel von Günter Grass, vor 50 Jahren veröffentlicht. Schiller feierte vor fünf Tagen seinen 250. Geburtstag, Michael Ende wäre vor drei Tagen 80 geworden, Wilhelm Grimm ist am 16.12.1859 gestorben, vor bald 150 Jahren also. Am 22.11. feiert der Cotta-Verlag 350-jähriges Bestehen.
Politisch wäre da natürlich der 20. Jahrestag der Grenzöffnung, im Dezember folgt Rudi Dutschkes 30. Todestag. Das 2000-jährige Jubiläum der Varusschlacht ist natürlich auch ein großes Thema, die Fachabteilung der nächsten Buchhandlung hat ihr gleich mehrere Tische gewidmet.

Es gibt also mal wieder genügend Anlässe, daran erinnert zu werden, dass man sich der Geschichte unseres Landes und Kontinents widmen sollte. Neue Bücher gibt es genug, und mein Interesse gilt besonders dem Mittelalter und der Neuzeit.
Mein erstes Buch soll mir einen Überblick geben, ich möchte Bilder und Infografiken, eine übersichtliche und schöne Gestaltung. Dabei soll es einen gewissen Anspruch verflogen, geschrieben von einem Historiker. Und: ich möchte nach ungefähr 200 Seiten fertig sein.

Die Entwicklung nach 1948 hat gezeigt, dass die Deutschen es trotz aller Schwierigkeiten letztlich doch gelernt haben, aus ihrer Geschichte zu lernen.

Die Geschichte Deutschlands: Von 1648 bis heute scheint dazu gut geeignet, es erfüllt jedenfalls alle genannten Kriterien.
Mit 1648 steigt der Historiker Michael Epkenhans in der frühen Neuzeit ein, zum Ende der Zeitalter der Reformation und der Glaubensspaltung. 1648 wird der Westfälische Friede geschlossen, der Dreißigjährige Krieg ist beendet und es beginnt die Zeit des Absolutismus und der Aufklärung – zugleich das erste eigentliche Kapitel des Buches. Vorangestellt wird auf zehn Seiten ein Blick auf die Zustände des Landes nach dem Dreißigjährigen Krieg und den folgenden territorialen Streitigkeiten und Mächtekonstellationen bis 1789. 2/3 des Buches umfassen die politische Geschichte Deutschlands, auf Seite 160 setzt Epkenhans neu an und beschreibt die soziale, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung der letzten 360 Jahre (Leseprobe und Inhaltsverzeichnis).

Nachteil der Dozenten-Schreibweise: der konsequent nominale und humorlose Stil erfordert konzentriertes Lesen: »Durch Steigerung des Exports bei Vermeidung von Importen, Ausbau von Verkehrswegen, und – wo möglich – die Gründung von Kolonien sollten die zur Finanzierung von Heer, Verwaltung und kostspieliger Hofhaltung notwendigen staatlichen Einnahmen gesteigert werden«.

In den aufklappbaren Buchdeckeln ist vorne eine Karte Deutschlands mit den heutigen Bunds- und Landesgrenzen, hinten eine Zeittafel von 1648 bis 2008 untergebracht, abgebildet sind Daten und zeitliche Abschnitte innerhalb der Kategorien Historisch, Machtpersonen (Kaiser/ Könige/ Präsidenten/ Kanzler), Wirtschaft und Technik sowie Kultur und Religion. Lustig: nach den Goldenen Zwanzigern und der 68er-Bewegung steht einsam – als scheinbar letzter, gleichermaßen relevanter Punkt vor Papst Benedikt XVI – 2001 der iPod.

Anspruchsvolles Geschichtslehrbuch für den orientierenden Überblick

Das Dumme am Leben ist, dass man eines Tages tot ist | C.H. Beck Was hat man von diesem Buchtitel zu erwarten? Wie wurden die 250 Seiten zwischen den Buchdeckeln gefüllt? »Eine Art Anleitung zum Glücklichsein« lautet der Untertitel, geschrieben hat das Buch jemand, der sich durch seine Tätigkeit als Dozent für Kreatives Schreiben an der University of Washington qualifiziert. Da kann ich mir etwas vorstellen: ich erwarte eine stilistisch wohlgeformte persönliche Erzählung, ein paar Anekdoten, was Philosophisches.

Das ist es in den Grundzügen, aber es kommt doch unerwartet: David Shields mixt strenge biologische Fakten mit Eindrücken des öffentlichen Lebens und persönlichen Anekdoten aus dem Leben mit seiner Familie, seiner Frau, seinem Vater (über 90) und der Tochter (in verschiedenen Stadien der Pubertät). Als Mann Anfang 50 beobachtet und kommentiert er die Generationen zwischen jung und alt. So teilt er auch sein Buch in vier Kapitel als die vier Stationen des menschlichen Alters: Säuglingsalter und Kindheit, Adoleszenz, Erwachsenenalter und mittlere Jahre, Hohes Alter und Tod.

Friedliche und einfache Kurzgeschichten sind es nicht. Ein repräsentatives Kapitel sieht so aus: erst werden biologische Verfallsfakten sachlich in Zahlen gereiht (»Im Alter von dreißig bis vierzig sind Frauen noch fünfundachtzig Prozent so fruchtbar, wie sie es mit zwanzig bis vierundzwanzig waren; der Grad mindert sich auf fünfunddreißig Prozent im Alter von vierzig bis fünfundvierzig und sinkt praktisch auf null Prozent nach dem 50. Lebensjahr«), gefolgt von noch mehr Zahlen, und zwar scheinbar beliebig über eine Hochzeitszeremonie von Donald Trump: ich erfahre unter anderem die Gästeanzahl, den Namen der Kirche, die Dauer der Zeremonie, dass die Schleppe der Braut vier Meter lang war und von 28 Schneiderinnen genäht wurde, dass der Hochzeitskuchen 1,80 Meter hoch war. Dann endet das Kapitel, es ist wie fast alle Kapitel nur zwei bis drei Seiten lang. Es trägt den Namen Jungen und Mädchen im Vergleich III. Es ist nicht ganz einfach, sich da einen Reim ‘draus zu machen.

Shields greift innerhalb eines Themenkapitels der vier Altersstadien scheinbar planlos in alle intuitiven Richtungen. Einmal geht es nur um Haare: er zitiert Woody Allen (»Das Beste was man tun kann, ist, sich altersgemäß zu verhalten. Wer sechzehn Jahre alt oder jünger ist, sollte zusehen, dass er keine Glatze bekommt«), dann seinen Vater, der gegen die Glatze Baseballmütze trägt, und natürlich erfahre ich zuerst in den biologischen Fakten dass ich über haarbildende Zellen verfüge, dass mein Haar braun ist weil sich reines Melanin gebildet hat, und dass graues Haar durch die Vermengung der ursprünglichen Haarfarbe mit dem weiß entsteht, das in dem Moment aus dem Kopf zu wachsen beginnt, wenn die Zellen ihre Funktion einstellen.

Vor etlichen Jahren erfuhr ich zufällig von der Mode, die Glatze mit einem Kinnbart zu kombinieren, und ich muss sagen: Das gefällt mir. Es drückt eher aus, dass man den Tod anerkennt als dass man ihn negiert.

Shields Schreibstil, der in Feuilletons als »schnell und postmodern« bezeichnet wird, irritierte mich am Anfang, als ich nach Sinn und Muster in seinem Text suchte. Seinen Text habe ich schließlich einfach schmunzelnd konsumieret. Es ist Shields ganz eigener Blick auf das Leben, und das sei nun mal Fakt: man durchläuft gewisse stereotype Phasen, man wird alt, und dann stirbt man, zwangsläufig. Nicht hadern und Zurückliegendem nachtrauern, lautet vielleicht die Botschaft. Eben nicht negieren, dass man eines Tages stirbt, sondern mit diesem Bewusstsein einfach leben, glücklich in allen Stadien des Lebens, so wie es der vitale Vater von Shields seit fast 100 Jahren hält.

The Thing About Life Is That One Day You’ll Be Dead

 « 1 2 3 4 5 6 ...61 62 63 64 »

  • RSS-Feed abonnieren
  • iGoogle-Gadget
  • E-Mail-Feed abonnieren
  • auf twitter verfolgen