Wieder ein Brunetti, 17 sind es mittlerweile. Nimmt das kein Ende? Seit 1992 schreibt Donna Leon jährlich einen Roman, dessen Protagonist, der venezianische Polizist Commissario Guido Brunetti, längst zur Marke geworden ist. Und sie hat ein recht klares Schema: ein Kriminalfall, meist ein Mord, parallel dazu ein sozialkritischer Aspekt und als Gegenpol der Hoffnung jede Menge Brunetti-Familienleben.
Der Mordfall dieses Romans ist der eines jungen Mädchens, das tot in Venedigs Kanälen treibt. Sie gehört zu den Roma, womit zugleich auch das gesellschaftskritische Anliegen des Romans abgesteckt ist. Der Kriminalfall tritt gute 150 Seiten lang zurück und macht Platz für eine detaillierte und anschauliche Beschreibung der Lebensverhältnisse der Roma: Donna Leon berichtet sehr gründlich davon, wie die Bevölkerungsgruppe unter dem gesellschaftlichen Ausschluss leidet. Interessant und lehrreich, aber nicht spannend.
Der Spannung ebenfalls nicht zuträglich ist die extra große Portion Familienleben (Brunettis Mutter stirbt). Es freut sich dagegen, wer Familie Brunetti seit 17 Bänden verfolgt und lieb gewonnen hat und die geistreichen Wortwechsel im Kommissariat zu schätzen weiß. Wenn auch die (in der Vergangenheit sehr fesselnde) Krimi-Spannung von Band zu Band abnimmt – gute Dialoge fallen Donna Leon immer ein.
Vielleicht ist es mein Fehler, immer noch einen spannenden Krimi hinter der Marke Brunetti zu erwarten. Dabei ist es Donna Leon offensichtlich viel wichtiger über gesellschaftliche Missstände zu berichten und liebevoll den venezianischen Alltag darzustellen. Der Kriminalfall gerät zur Nebenhandlung. Auch wenn ich mich (in Erwartung eines Krimis) streckenweise langweilte ist der 17. Fall wieder besser als die letzten beiden.
Donna Leon kann wunderbar schreiben. Sie fordert etwas von ihrem Leser, und sei es nur das Bewusstsein, dass im Leben eben nicht alles sauber aufgelöst und abgeschlossen wird. Trotzdem: schön wär’s schon, mal wieder was richtig Spannendes von ihr zu lesen. Hoffnung nicht aufgeben, warten wir eben auf’s nächste Jahr.
… wieder kein Brunetti-Krimi wie früher.
Auch gelesen hat’s Ines Dietzsch / krimi-couch.de und meint: »Ein gewisser Unterhaltungswert ist dem Roman nicht abzusprechen, jedoch Krimi-Spannung? – Fehlanzeige«




Ich verbinde die guten Brunetti Fälle mit den alten Hörspielen. Als Hörspiel im WDR habe ich Brunetti kennen gelernt und diese blieben mir immer in guter Erinnerung. Dass die neuen Fälle, die es nicht als Hörspiel gibt, nicht mehr so spannend sind, habe ich eigentlich immer auf den Unterschied in der Atmosphäre zwischen Buch und Hörspiel geschoben. Langatmigkeit kommt in letzterem ja eher selten auf, da die Geschichte meist aufs wesentliche verkürzt ist.
Brunetti und Venedig haben sich damals in mein Herz geschlichen und auch wenn die Fälle nicht mehr an früher heranreichen, so sind sie es immer noch wert gelesen zu werden.